KONZEPTION

KONZEPTION DES VEREINS „FRAUEN FÜR FRAUEN“ E.V 

Der Anlass für die Gründung des Vereins im Jahr 1985 waren die Vergewaltigungen einer Frau durch vier Männer in einem Ahauser Lokal. Obwohl der Straftatbestand gerichtlich nachgewiesen wurde, zweifelte ein großer Teil der Bevölkerung die Verbrechen weiterhin an oder bagatellisierte sie. Viele schoben der verletzten Frau die Verantwortung zu. Die Notwendigkeit von Frauenberatungsstelle und Frauennotruf wurde auf gesellschaftlicher, politischer und institutioneller Ebene regional überwiegend infrage gestellt. Diese Haltung konnte im Laufe der Zeit vermehrt abgebaut werden. Sie ist an manchen Stellen aber immer noch stark verwurzelt.

Frauenberatungsstelle und Frauennotruf werden beide vom Land NRW gefördert.

Der Verein „frauen für frauen e.V.“ ist Mitglied beim Dachverband der autonomen Frauenberatungsstellen NRW e.V. und Mitglied des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Vom Finanzamt ist er als mildtätig anerkannt. Damit hat er die Berechtigung Spendenbescheinigungen auszustellen.

Der Verein ist parteipolitisch wie auch konfessionell ungebunden und autonom im Sinne freier und unabhängiger Entscheidungen.

 

Selbstverständnis

In unserer Gesellschaft geschieht die Verteilung der Macht immer noch zugunsten von Männern. Über 70% aller Frauen sind vom Mann oder Staat finanziell abhängig.

Weibliche Ausdrucksformen werden im Rahmen den traditionellen geschlechtsspezifischen Rollen- und Verhaltensnormen immer noch eher als negativ und krank bewertet. Dennoch werden sie auch heute noch als Idealbilder zur Sozialisationsprägung von Mädchen und Jungen weitervermittelt.

Seelische, geistige, emotionale und körperliche Gewalt gegen Frauen und Kinder erhält ihren Nährboden durch unsere Gesellschaftsstrukturen und wird durch sie weiter aufrecht erhalten.

Wir wollen die Fakten der Geschlechterhierarchie und ihre Folgen benennen und ein Bewusstsein dafür wecken. Wir wollen Strukturen so verändern, dass weibliche Identität neben der männlichen als unterschiedlich und gleichwertig respektiert wird. Wir wollen, dass die notwendigen Bedingungen zur größtmöglichen selbstbestimmten Entfaltung von Mädchen und Frauen hergestellt werden.

Auf der gesellschaftspolitischen Ebene sehen wir hier unseren Auftrag die Interessen von Frauen und Mädchen zu vertreten. Die Erfahrungen von Ungleichbehandlung, Benachteiligung und Unterdrückung in Familie und Partnerschaft sowie in beruflichen und gesellschaftlichen Zusammenhängen gehören zum Lebensalltag von Frauen. Mehr und mehr Frauen widersetzen sich den bestehenden Verhältnissen, indem sie an ihnen „kranken“. Diese Symptome sind für uns subjektiver Ausdruck des Überlebens und des Widerstandspotentials von Frauen in untragbaren und kränkenden Lebensverhältnissen. Sie rechtfertigen keineswegs eine individuelle Pathologisierung von Frauen.

Mit dem Wissen von den strukturellen Gegebenheiten und der Auseinandersetzung mit unseren persönlichen Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen unterstützen wir Frauen in ihrer Entwicklung. Wir suchen mit ihnen gemeinsam die für sie heilsamen und förderlichen Wege zur Befreiung aus äußeren und selbst reproduzierten Grenzen. Das bedeutet, die erlittenen Verletzungen zu erkennen, zu akzeptieren und zu lindern, weibliche Eigen-Macht und Stärke (neu) zu entdecken, zu entwickeln und sel­­­­­bstbestimmt für sich zu nutzen.

Grundsätze der Arbeit

Frauenberatung findet in allein für Frauen und Mädchen reservierten Räumlichkeiten statt. Dies ermöglicht die Konzentration auf sich selbst. Es fördert die Fähigkeit zu Abgrenzung, Selbstbehauptung und Neubestimmung von Weiblichkeit. Die weibliche Identität mit all ihren Facetten findet hier einen eigenständigen Rahmen, der neue Erfahrungsfelder jenseits männlicher Dominanz eröffnet.

 

Wir haben uns für Parteilichkeit entschieden. Ausschließlich Frauen arbeiten mit Frauen und Mädchen. Wir bieten ihnen unser Potential und unsere fachliche Kompetenz an, um das Gegengewicht zu den bestehenden Machtverhältnissen zu vergrößern. Die Inanspruchnahme unserer Angebote geschieht freiwillig, die Initiative geht von den Ratsuchenden aus, die auf Wunsch anonym bleiben können. Im Rahmen der offenen Sprechzeiten besteht die Möglichkeit telefonischer oder persönlicher Gespräche, wie auch von Terminabsprachen. Mit denjenigen, die uns nicht aufsuchen können, vereinbaren wir geeignete Treffpunkte „vor Ort“.

Frauen und Mädchen können sich mit allen Fragen, Problemen, Konflikten, Krisen und Symptomen, bei denen sie Unterstützung wünschen, an die Mitarbeiterinnen der Frauenberatungsstelle wenden und werden von ihnen damit ernst genommen.

Die Mitarbeiterinnen klären mit den Ratsuchenden gemeinsam Anliegen und Ziele, und sie prüfen miteinander, ob die Unterstützungsangebote den Erwartungen entsprechen. An dieser Stelle kann auch deutlich werden, dass die Hinzuziehung anderer Fachkräfte oder der Schritt zu einem anderen Fachdienst oder einer Selbsthilfegruppe hilfreich ist.

Für alle Mitarbeiterinnen besteht Schweigepflicht, der allerdings Grenzen in Gerichtsverfahren durch ein fehlendes Zeugnisverweigerungsrecht gesetzt ist. Sie handeln grundsätzlich nur mit Wissen der Ratsuchenden.

Die Mitarbeiterinnen

Die hauptamtlichen Beraterinnen/Therapeutinnen haben ihre Qualifikation durch Hochschul- oder Fachhochschulqualifikation erworben. Entsprechend dem Tätigkeitsbereich kann eine psychotherapeutische Zusatzausbildung notwendig sein. Eine weitere Voraussetzung ist die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Rolle als Frau in dieser patriarchalen Gesellschaft und eine daraus resultierende feministische Grundhaltung.

Die Mitarbeiterinnen klären die Aufgabenverteilung und Verantwortung unter sich und tauschen sich in regelmäßigen Teamsitzungen untereinander aus. Sie verpflichten sich zu kontinuierlicher fachspezifischer Weiterbildung und einer Außenkontrolle durch regelmäßige Fall- und Teamsupervision. Gegenstand der Supervision ist die Aufarbeitung kritischer Punkte und Phasen im Beratungs-/ Therapieprozess, die Klärung von Konflikten innerhalb des Teams und struktureller Aspekte der Beratungsstelle.

  

Arbeitsbereiche

  • Beratung

Die Beratungsarbeit ist konfliktzentriert. Sie hat das Ziel, die Ressourcen der Ratsuchenden aufzudecken und zu verstärken, mit deren Hilfe sie in der Lage ist, eine definierte Problemlage zu bewältigen, einen Konflikt zu klären oder eine Entscheidung zu treffen. Richtungsweisend ist die für die Frau oder das Mädchen passende Gestaltung ihrer aktuellen und zukünftigen Lebenswirklichkeit. Sie kann sehr wohl von unserer feministischen Denk- und Sichtweise abweichen. Zusätzlich können Informationsvermittlung und Umsetzungshilfen förderlich sein. Gegebenenfalls werden sozialrechtliche und finanzielle Aspekte miteinbezogen.

Das Beratungsangebot bezieht sich auf einzelne Frauen und Mädchen, lesbische Paare, Gruppen und in der Anfangsphase angeleitete Selbsthilfegruppen.

  • Krisenintervention

Situationen, in denen sich eine Frau akut von außen oder innen extrem bedroht fühlt und keinen Ausweg erkennt, erfordern in erster Linie Ruhe seitens der Beraterin. Mithilfe der Frau ist zu klären, was genau die Bedrohung ausmacht, welchen Schutz sie nötig hat und ob und wie er zu realisieren ist. Daraus kann sich ergeben, dass die Frau selbst in der Lage ist, die weiteren Schritte zu sehen, die Beraterin aktiv werden muss (z.B. Hausbesuch) oder andere Stellen zur Unterstützung eingeschaltet werden müssen (z.B. Polizei, ÄrztInnen).

Die Beraterin hat dabei stets vorrangig für ihre eigene Sicherheit zu sorgen 

  • Psychotherapie

Bei Prozessen, die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität berühren, die tiefverwurzelte Glaubenssätze infrage stellen, in denen an erlittenen und überlebten traumatischen Erfahrungen oder deren Auswirkungen gearbeitet wird, begibt sich die Ratsuchende auf eine tieferliegende Verarbeitungsebene. Diese Ebene ist erst dann begehbar, wenn eine tragfähige Vertrauensbasis aufgebaut worden ist.

Die Therapie erfolgt klientinnenzentriert und prozessorientiert, d.h. die Ratsuchende bestimmt über die Inhalte der einzelnen Sitzungen und das für sie passendes Tempo. Die Therapeutin thematisiert das vorhandene Machtgefälle und trägt zu seiner Verminderung bei, indem sie ihre Interventionen transparent macht und zu Auseinandersetzungen bereit ist. Die Methoden werden in erster Linie durch die Ausbildungen der Mitarbeiterinnen festgelegt.

  • Begleitung

Frauen und Mädchen erhalten bei Bedarf Begleitung zu Ärztinnen, Rechtsanwältinnen, Polizei, Gericht, Arbeitsamt, Sozialamt, Jugendamt, Frauenhaus, Mädchenhaus etc. Die Zielsetzungen können dabei unterschiedlich sein. Eine Begleitung kann z.B. dazu dienen, der Frau oder dem Mädchen Rückhalt zu geben, das Gefühl des Ausgeliefertseins zu vermindern, Öffentlichkeit herzustellen, Sprachlosigkeit zu vermindern. Rolle und Funktion der Begleiterin wird vorher abgeklärt und definiert. Wesentlicher Aspekt dabei ist, dass die Frau/das Mädchen die Verantwortung für sich trägt und die Entscheidungen für sich trifft. 

  • Gruppenarbeit

In einer Atmosphäre gegenseitiger Akzeptanz können sich Vertrauen und Offenheit entwickeln. Der Austausch mit anderen lässt Gemeinsamkeiten und Unterschiedlichkeiten deutlich werden und kann zu mehr Klarheit über die eigenen Konturen und Standorte führen. Die Erfahrung von Gruppen ermöglicht das Aufheben von Isolation, fördert Kontakt und Solidarität, Mitgefühl, Verständnis und konstruktive Kritik. Das Mitteilen von Gedanken und Gefühlen wird erleichtert und führt so zu Entlastung der Teilnehmerinnen. Im Schutz der Gruppe können eingefahrene Verhaltensweisen reflektiert und neue ausprobiert werden, um sie dann in den Alltag zu übertragen. Es kann sich ein soziales Bezugsnetz entwickeln, mit dem sich die Frauen über den Gruppenprozess hinaus gegenseitig stärken und unterstützen. 

  • Prävention

Präventionsarbeit umfasst unterschiedliche Ebenen: Sensibilisierung für alle Formen von Gewalt; Aufklärung über Ursachen und Folgen struktureller und individuell erfahrener Gewalt; gesellschaftspolitische Forderungen an den Gesetzgeber; Stärkung der Frauen und Kinder; Schutz und Unterstützung derjenigen, die individuelle Gewalt erfahren haben, um sie gegen erneute Überwältigung zu stärken und vor Sekundärbeschädigungen zu bewahren.

Konkret leisten wir Präventionsarbeit in der direkten Arbeit mit Frauen und Mädchen; mit unseren seit Jahren fest installierten Selbstverteidigungs- und Selbstbehauptungskursen für Mädchen verschiedener Altersstufen ab acht Jahren; durch Zeitungsartikel und Vorträge, in der Auseinandersetzung mit politischen Gremien und Institutionen, im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit. 

  • Öffentlichkeitsarbeit

Mit unserer Öffentlichkeitsarbeit wollen wir erreichen, dass das bestehende Ausmaß der Gewalt bewusst wird und die Bereitschaft zur Veränderung der Strukturen wächst. Wir wollen auch den von Gewalt betroffenen Frauen und Mädchen aufzeigen, wo sie sich Unterstützung holen können. Dazu bieten wir Informationsveranstaltungen an, machen Pressearbeit, stellen Forderungen an die Gesetzgeber, verteilen Faltblätter und Aufkleber.

  • Vernetzung

Durch Vernetzung unterschiedlichster Art auf regionaler und überregionaler Ebene erfahren wir selbst in unserer Arbeit Unterstützung. Unsere politischen Forderungen erhalten so ein größeres Gewicht. Einzelfallhilfe kann dadurch erleichtert werden.

Wir kooperieren mit unterschiedlichen Ämtern, Institutionen, Beratungseinrichtungen, den Gleichstellungsbeauftragten und anderen Einzelpersonen (z.B. Ärztinnen, Anwältinnen).

Außerdem nehmen wir an regelmäßigen Arbeitskreisen teil und führen in Zusammenarbeit mit anderen Veranstaltungen durch.